Guinea-Bissau 03

 

Ein Einbruch, Matriarchat mit Fragezeichen und die schützende Staatsgewalt

 

“Ah, du fährst nach Guinea-Bissau”, hatte mir noch eine Freundin in Gambia gesagt. “Hast du von den matriarchalischen Inseln gehört?” Hatte ich nicht.

Aber sobald ich im Land war, klickte ich mich durchs Internet.

 

Das Bijagos-Archipel vor der Küste Guinea-Bissaus bestand aus 88 Inseln, von denen die Mehrheit allerdings nicht permanent bewohnt wurde. Bewohner:innen waren historisch und sind noch immer zum Großteil die Bijagos, eine Volksgruppe, der nachgesagt wird, traditionell matrilinear oder auch matrichalisch organisiert zu sein.

Gemäß den Artikeln, die man darüber im Netz lesen konnte, machten Frauen den Heiratsantrag, bauten die Häuser und konnten ihren Mann jederzeit wieder vor die Tür setzen.

Auf der Insel Orango sollte diese Tradition besonders stark ausgeprägt und erhalten sein. Neben den häuserbauenden Frauen, Priesterinnen und Königinnen zählten Salzwassernilpferde zu den weiteren Real-Life-Fabelwesen dieser Insel. Es waren die angeblich einzigen auf dieser Welt. Also Nilpferde, die nicht nur in Flüssen und Seen, sondern auch im Meer plantschten.

Dort wollte ich hin.

 

Landschaftsaufnahme Orango

 

Es gab nur ein kleines Problem: Um vom Festland auf diese Insel zu gelangen, musste man mit Transportkosten von mehreren hundert Euro rechnen. Plus 100 hundert Euro pro Nacht im einzigen Hotel der Insel. Da musste ich nicht groß überlegen. Das war nicht drin.

 

Auf der Seite des Hotels, das von einer spanischen NGO betrieben wurde, sah ich allerdings einige Verweise auf Medienberichte über das Hotel sowie eine Kontaktinformation unter anderem für Journalist:innen. Vielleicht war das ja eine Einstiegstür. Ich schrieb also eine E-Mail, in der ich erklärte, dass ich gerne über die Attraktionen der Insel und das Hotel berichten wollte und mich nach einem Journalisten-Rabatt erkundigte. Daraufhin hieß es, ein Mitarbeiter in Bissau würde sich bei mir melden. Ein paar Tage später traf ich Hafez.

 

Hafez arbeitete für das Hotel und war unter anderem für die Organisation rund um die Trips der Besucher:innen zuständig. Wir trafen uns im Café des schicksten Hotels Bissaus, das nebenbei bemerkt für sich schon für viele Anwohner:innen eine Art Sehenswürdigkeit sowie Treffpunkt unter Expats und internationalen Geschäftsleuten darzustellen schien. Wir unterhielten uns eine Weile über seine Arbeit und mein Vorhaben, bis wir darauf zu sprechen kamen, dass er Libanese war. “Woher im Libanon?”, fragte ich. Es war die Stadt, in der ich nach meinem Auslandssemester vier Monate lang gelebt hatte. Auf einer spürbaren Freudenwelle ging das Gespräch nun zu der Lokalisierung meiner Straße über, zu den besten Frühstücksspots und der Atmosphäre während des Ramadans. “Um ehrlich zu sein, ich sollte eigentlich herausfinden, ob sich dein Besuch für uns überhaupt lohnen würde”, sagte Hafez. „Aber das ist jetzt egal. Du warst in meiner Stadt. Du hast von unserem Wasser getrunken – ” Er werde dafür sorgen, dass sich mein Besuch auf Orango realisieren ließe.

Er hielt Wort.

 

Vögel im Baum, Orango

Etwa drei Wochen später dann, zwei Tage vor dem Trip, wurde nachts in Cadijas Haus eingebrochen. Während Neia, Rosalie und ich friedlich schliefen, wurden alle unsere Handys quasi vom Kopfkissen gepflückt, sowie sämtliche von Cadijas (locker 20) Perücken, mein Laptop und meine Handtasche samt Kamera gestohlen. Cadija selbst war zu diesem Zeitpunkt mit ihrem Freund feiern und somit ab dann die Einzige mit Smartphone im Haus.

Neia war nachts aufgewacht und hatte festgestellt, dass ihr Handy weg und die Hintertür aufgebrochen worden war, woraufhin uns noch in derselben Nacht das ganze Ausmaß der Situation bewusst wurde. Während die Bestürzung nun auch über die Cousins und Onkel hereinbrach, die von nebenan herübergeeilt waren, fand jemand plötzlich draußen auf der Kühltruhe vor der Tür, eingewickelt in meinen Schal und unversehrt, die Kamera. Wer auch immer meine Handtasche gegriffen hatte, musste auf dem Weg nach draußen beschlossen haben, dass er mit der Kamera wenig anfangen konnte und sie so schnell auch nicht würde verkaufen können. Ich weinte fast vor Freude. Solange ich die (finanziell (sowie gerade in Bissau) nicht leicht ersetzbare) Kamera und (die auf gewisse Weise unbezahlbaren) Speicherkarten hatte, war der Rest egal.

 

Der Schatten der Ereignisse hing während der nächsten Tage noch wie ein chronisches Gewitter über unserem Haus. Die Familie verdächtigte einen kleinkriminellen Onkel, das schwarze Schaf der Familie, hinter dem Einbruch zu stecken. Aber auch die Polizei und der geballte Groll der erweiterten Familie konnten aus ihm zunächst kein Geständnis herauspressen.

 

Ich hatte nichts dagegen, dem Haus unter dem Gewitter erstmal für ein paar Tage zu entkommen, und so passte es ganz gut, dass Hafez eine Möglichkeit gefunden hatte, bei der ich mich für die Anfahrt zur Insel bei einer Familie anschließen konnte. Hafez hatte ebenfalls eine spanische Videofilmerin mit dazu gepackt und ich hatte noch einen spanischen Reise-Vlogger, den ich auf der Insel Bubaque kennengelernt hatte, mit ins Boot geholt (im wahrsten Sinne des Wortes), sodass wir uns alle die Transportkosten teilten. Mit letzteren beiden würde ich die nächsten zwei Tage zusammen unterwegs sein, um die Nilpferde und Dörfer anzusehen. Die Spritkosten für die Ausflüge würden wir also durch drei teilen, für die Übernachtung bekamen wir jeweils 50% Rabatt.

 

 

Dem Tiktoker hatte ich zwar mehrmals ein paar Infos und die Namen der Orte genannt, die wir besuchen würden, aber er war bei der Abfahrt aus Bissau noch genauso ahnungslos wie vorher.

Das schien für ihn allerdings keine Hürde dafür darzustellen, von Beginn an Videomaterial für seine Community aufzunehmen, in dem er simultan die Geschehnisse narrierte und erklärte, was er glaubte zu sehen.

Unterwegs bekam er noch den Vorschlag von seinem Manager, doch gleich eine Doku für YouTube zu machen. Also nahm er alles gleich zwei Mal auf (in Hoch- und Querformat). Eine Motivation, die sich zwar nicht auf die Recherche von Hintergrundwissen übertrug, aber von dem Eifer beseelt wurde, mutmaßlich der erste Youtuber auf der Insel zu sein.

 

Nach Ankunft und Essen machten wir einen Ausflug zur ältesten Siedlung der Insel, Ambuduco. Mit dem Boot fuhren wir Flussarme entlang und machten uns dann an den Fußweg.

Den selbsternannten Dokumentarfilmer hörte man dabei immer in einiger Entfernung unablässig in seine Handykamera reden, wobei ihm nie der Text auszugehen schien – bemerkenswert, da er dadurch das meiste an Faktenwissen verpasste, an dem uns unser Guide Edouardo währenddessen teilhaben ließ.

Immer wieder hielten wir an, um Fotos zu machen, die Drohne fliegen zu lassen oder damit der Tiktoker vor laufender Kamera in den Sonnenuntergang hineinlaufen konnte.

Als wir schließlich ankamen, war es dunkel.

 

 

Am nächsten Tag brachen wir nach dem Frühstück auf, um unser Glück mit den Nilpferden zu versuchen. Zu dieser Zeit des Jahres war es eigentlich schon fast zu spät, um sie zu Gesicht zu bekommen, aber da die Wasserstellen in diesem Jahr noch gut gefüllt waren, nicht unmöglich. Mit dem Boot fuhren wir um die Insel herum. Der Tiktoker fragte unterwegs ChatGPT nach einer Zusammenfassung der Infos zu den Nilpferden. Damit schien er erstmal vorbereitet zu sein.

Klatschen für die Nilpferde

Wir waren etwa ein, zwei Stunden gelaufen (Foto-Geschwindigkeit), bis wir an die erste Wasserstelle kamen. Nilpferde: Fehlanzeige. Auch bei den anderen beiden Stellen hatten wir kein Glück. Bei der letzten Stelle allerdings bekamen wir auf das Klatschen von Edouardo eine röhrende Antwort. Und als die Videofilmerin ihre Drohne fliegen ließ, sahen wir tatsächlich in geringer Entfernung, umgeben von Mangroven, die friedlich plantschenden Hippos. 18 Stück zählte Edouardo.

 

Die Nilpferde auf dem Bildschirm der Drohnenkamera

Edourdo (rechts) und die beiden Bootsfahrer

Nach dem Mittagessen ging es dann in das Dorf Eticoga.

Dort lag die letzte Königin der Insel begraben und wir würden eine der verbliebenen älteren Priesterinnen um ein Interview über ihre Funktion innerhalb der Gesellschaft und die bestehenden Geschlechterrollen bitten.

Ich sah bisher nicht wirklich, wie ich aus dem Nilpferdbesuch eine gute Story mit Nachrichtenwert stricken konnte (bedroht? Nein, eigene Fotos: nein, Klimawandel: laut Edouardo Fehlanzeige, Ranger:innen für ein „Day in the Life“ der Schützer:innen der weltweit einzigen Salzwassernilpferde? Schien es in dieser Form so auch nicht zu geben). Also lagen meine Pokersteine für ein Artikelthema, mit dem ich nebenbei bemerkt meine trotz allen Rabatten ja dennoch bestehenden Reisekosten ein wenig würde abflachen können, auf dem Besuch im Dorf. Schließlich waren wir ja nicht nur für das gute Frühstück hier.

 

Die Chancen verdunkelten sich jedoch auch schon, sobald wir im Dorf ankamen. Allein die Tatsache, lediglich wenige Stunden zu haben, um ein Gefühl für einen Ort und dessen Realitäten zu gewinnen, war für mich eine eher ungewohnte und unangenehme Ausgangslage. Das wurde auch nicht dadurch verbessert, dass meine zwei, drei Stunden Aufenthalt in Eticoga Teil einer geführten Tour waren. Auch wenn es aufgrund der Sprachbarriere, zumindest zu den älteren Mitgliedern der Gemeinschaft, schon durchaus von Vorteil war, dass Edouardo dabei war.

Edourdo erzählte uns nun die Geschichte Okinka Pampas, der letzten Königin der Insel, deren Todesdatum auf etwa 1930 zurückdatiert wird. Onkinka Pampa wurde unter anderem angerechnet, sich den portugiesischen Kolonialisten eine Zeitlang widersetzt und schließlich einen Friedensvertrag geschlossen zu haben. Und als weibliche Monarchin, die sie ja nun mal gewesen war, fügte sie sich ebenfalls wunderbar ein in das Matriarchatsnarrativ, von dem ich ja im Internet gelesen hatte. Als wir aber in der Grabstätte der Königin und ihrer Familienmitglieder standen und Edouardo unsere Fragen an den älteren Herrn übersetzte, der uns dort in Empfang genommen hatte, rückten sich die Dinge ein wenig ins Verhältnis. Was mir zuvor nicht klar gewesen war, war, ob weibliche Königinnen damals die Regel gewesen waren. Aber Okinka Pampa hatte das Amt von einem Mann (ihrem Vater) übernommen und anschließend die Macht an einen nicht royalen Mann abgegeben (seitdem war vielmehr ein Dorfvorsteher für das Wohl der Gemeinschaft zuständig), hieß es. Als wir den Herren (mit der Frauen-Power im Kopf) fragten, wie sich hier eine Heirat einfädeln ließe, sagte er, der Mann würde unter weiteren Personen die Botschaft streuen, dass er an der Dame seiner Wahl interessiert war. Auf unsere Nachfrage, ob denn auch die Frau die Initiative in die Hand nehmen könne, bejahte er. Männer vs. Frauen 2:2. Das sah eher nach Gleichberechtigung aus als nach Matriarchat.

 

Die aktuellen Priester:innen von Orango

Dieser Eindruck verfestigte sich auch in dem Gespräch mit den Priesterinnen – oder vielmehr Priester:innen. Denn auch unser freundlicher Begleiter aus dem Mausoleum war Teil der Gang. In einer Doku der Deutschen Welle von vor fünf Jahren hatte es geheißen, die Priesterinnen (ausschließlich weiblich) seien auch Königinnen, in den Fußstapfen Onkinka Pampas. Nun erzählten uns die drei eher wortkargen Gestalten durch unseren Guide und Übersetzer, König:innen gäbe es keine mehr und dieses spirituelle Amt würde sowohl von Frauen wie auch von Männern ausgeübt. Auf die Fragen danach, wer das Haus baute und nach dem Familienoberhaupt, lautete die einstimmige Antwort jeweils “der Mann”, und auch die Rückfrage, ob sich da vielleicht über die Jahre gewandelt hatte, änderte daran nichts.

Dementsprechend verwirrt machten wir uns schließlich auf den Heimweg.

 

Straßenzug im Dorf Eticoga

Zurück in Bissau sprach ich Hafez auf die Mixed Signals in Sachen Matriarchat an.

Wir trafen uns im “Spanischen Restaurant”, was eigentlich ein chinesisches war und wo er den Großteil seines Arbeitstages verbrachte, weil er im Büro nicht rauchen durfte.

“Weißt du”, sagte er, “ich denke schon, dass die Frauen die Macht haben.” Ich hatte ihm gerade übersetzt, was in den deutschen Zeitungsartikeln über das Dorf auf Orango (“Vielleicht waren sie ja auf einer anderen Insel hier” – nun, waren sie nicht) geschrieben stand, und er meinte, er hätte in seiner Zeit auf der Insel zumindest nichts von diesen Bräuchen gehört. Die Häuser, die heutzutage gebaut würden, seien definitiv Männersache, meinte er. Die Frauen, die er im Hotel beschäftigte, hätten jedoch bei ihm Geld angespart, um den Zement zu kaufen.

“Ich denke schon, dass Frauen die Macht haben”, sagte er also, “weil sie für den Haussegen verantwortlich sind.” Als Seele des Hauses verfügten sie über eine nicht unwesentliche Softpower. Außerdem seien sie diejenigen, die innerhalb der Familie am meisten arbeiteten. “Das sieht man sogar hier auf dem Festland. Wenn du früh morgens auf die Straße gehst, siehst du schon die Frauen, wie sie Obst und Trinkwasser auf der Straße verkaufen. Bis spät abends ackern sie. Und was macht der Mann währenddessen? Sitzt irgendwo mit seinen Freunden.“ – “Ich glaube, so war das aber nicht gemeint mit dem Matriarchat”, sagte ich. Wenn es nur darum ging, wer die meiste Arbeitslast schulterte, könnte man wahrscheinlich in so einigen Gebieten auf der Welt bereits das Matriarchat ausrufen.

 

Zurück bei Cadija hatte sich das Gewitter leider nicht überraschend in Regenbogen und Sonnenschein aufgelöst. Der Onkel war schließlich von der Polizei wieder laufengelassen worden (bzw. hatte Cadija schließlich die Zahlungen an die Polizei eingestellt, um ihn da zu behalten).

Ohne weitere Verdächtige war das Schicksal nun besiegelt: Die Sachen waren weg.

 

Ich brachte mein Insel-Gepäck ins Haus und setzte mich zu Cadija und ihren Cousins an den Tisch, den sie vors Haus in den Schatten gestellt hatten.

Sie tranken die kleinen 0,2-l-Bierflaschen Super Bock, die das einfachste Mittel waren, um Cadijas Stimmung aufzuhellen, und unterhielten sich auf Kreol über etwas, das ich offensichtlich nicht verstand, aber das sie eher aufzubringen schien.

Cadija hielt mir ein Video unter die Nase. „Den haben sie umgebracht.“ Es handelte sich um einen Aktivisten, der sich fortwährend regierungskritisch geäußert und sich zuletzt versteckt gehalten hatte. Die Militärregierung bedauerte offiziell den Mord, der durch Onlinestatements und verbreitete Fotos der Leiche nun laut im Internet nachhallte. Aber niemand schien einen Zweifel daran zu hegen, dass die Regierung selbst dahintersteckte.

 

Cadija machte ihrem Frust nun nochmal auf Portugiesisch und Französisch Luft, bevor sie stiller wurde, an ihrem Bier nippte und wieder zu TikTok zurückkehrte. „Ach Guinea-Bissau …“, seufzte sie. „Siehst du, deshalb bleibe ich lieber einfach zuhause am Handy oder beschränke mich auf Bierchen trinken und Feierngehen.“

Wir lachten, aber darunter grollte ein leises Gewitter.

 

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