Bücher


Alle Wege führen nach Lissabon. Zumindest, wenn man von Europa aus nach Cabo Verde aka. Kap Verde fliegen will. Also plante ich für meinen Zwischenstopp direkt ein paar Tage ein. Weil ich ja schon mal da war und weil – Fluch und Segen eines freiberuflichen Journalistinnen-Daseins – ich ja sicherlich von dort auch noch gleich ein Artikelthema mitnehmen konnte.
‎

Elevador de Santa Justa, Lissabon


‎Das Hostel war groß. Ein vierstöckiges Altbauhaus mit Dachterrasse, entlang der Metro-Linie, nicht allzu weit vom Zentrum entfernt. Und es war glücklicherweise deutlich sauberer und weniger verstörend, als man hätte befürchten können, wenn man zuvor den Fehler gemacht hatte, die Bewertungen auf Google Maps oder Booking zu öffnen.
‎Der einzige Kratzer im Lack war die Küche.
‎Einen Herd gab es nicht, aber Matthew, der schon länger da war, zeigte mir, wie man auch auf dem Sandwich-Toaster kochen konnte. Besteck gab es auch nicht oder es beschränkte sich auf eine Gabel oder ein einzelnes Messer, das man mit etwas Glück grade aus dem Abtropf-Ding angeln konnte, wenn es frei war. Ansonsten musste man sich Besteck von denjenigen, die ihr eigenes hatten, leihen. Die, die schon länger da waren, hatten vorgesorgt. Neues Besteck oder das ein oder andere lukrative Lebensmittel aus dem Kühlschrank verschwand häufig binnen weniger Stunden.
‎
‎
‎Ursprünglich hatte ich den Aufenthalt in Portugal nutzen wollen, um ein Thema zu recherchieren, das Cabo Verde und die große Diaspora in Portugal verband. Da sich mir letztendlich zu dem Zeitpunkt kein solches Thema aufdrängte, schaute ich, was in letzter Zeit hier sonst so los gewesen war.
‎Unter anderem war das die Eröffnung einer Bibliothek in Porto in Kooperation mit der Sängerin Dua Lipa. Viele der Bücher, die in einem neuen Raum der berühmten Buchhandlung Lello ausgestellt wurden, seien zu manchen Zeiten an verschiedenen Orten der Welt Verboten zum Opfer gefallen, hieß es seitens der Initiator:innen. Und es handele sich im Allgemeinen um Werke, die helfen würden, unsere Welt zu verstehen und den Status quo herauszufordern.
‎
‎In der ersten Reaktion auf diesen Themenvorschlag, den ich an die katholische Nachrichtenagentur geschickt hatte, bekam ich eine Ablehnung. Aber von nd bekam ich eine positive Antwort.
‎Also fuhr ich gleich am nächsten Tag früh nach Porto.
‎
‎

Vor der Buchhandlung Lello


‎Um das schmale, hübsche Haus in der Fußgängerzone betreten zu können, musste man sich zunächst ein auf die Viertelstunde getimtes Ticket buchen und in die entsprechende Schlange stellen. Wie mir eine Kommunikationsbeauftragte der Buchhandlung später erläutern sollte, lagen die Besucherzahlen bei 3.000 Menschen pro Tag. Diese Popularität ging wohl am ehesten darauf zurück, dass sich das Etablissement den Ruf gesichert hatte, eine der schönsten Buchhandlungen der Welt zu sein. Und das wiederum lag vor allem an der Holzverkleidung der beiden Räume, die von einer Wendeltreppe verbunden wurden.
‎Den Wert des 16-Euro-Eintrittstickets konnte man sich anschließend mit einem Bücherkauf verrechnen lassen. Bücher gab es auf Englisch, Portugiesisch und auch einigen anderen Sprachen. Beim Sortiment schien man sich vor allem auf Altbewährtes zu verlassen und es war leicht zu erkennen, welche die Verkaufsschlager waren, denn einige Werke lagen immer wieder in großer Menge aus. Der Alchimist etwa, 1984, Der kleine Prinz…
‎Bekannte Klassiker, die sich jemand ins Regal stellen wollen könnte.
‎


‎Wenn man den Rundgang in die vorgeschriebene Richtung bis zum Ende gegangen war, gelangte man dann im Keller des Neubaus in die Dua-Lipa-Bücherei. Beziehungsweise die „Manifesto Library“. Popstar Dua Lipa betrieb bereits seit einiger Zeit einen öffentlichen Buchclub und die Kooperation mit der Buchhandlung war das neuste Projekt, um bestimmten Büchern eine Plattform zu bieten. Selbstverständlich medienwirksam.  Ich setzte mich auf die Stufen des Holzauditoriums und sprach gelegentlich jemanden von denjenigen Besuchenden an, die nicht so schnell wieder verschwanden, wie sie gekommen waren.
‎Eine Gruppe noch eher junger Erwachsener, dem Auftreten nach Kreative oder Gesellschaftswissenschaftler:innen, nahm in der Mitte Platz und schien irgendetwas zu planen. Ich fragte sie, ob ich jemanden nach einem O-Ton zum Bibliotheksbesuch fragen könnte, und wie sich herausstellte, waren sie in Begleitung des Marketing-Koordinators der Buchhandlung. Der wiederum ließ mich gleich wissen, dass er meine E-Mail gesehen hatte, aber noch nicht dazu gekommen war, zu antworten. Ich besprach dann also vielmehr mit ihm, wie wir in Sachen offizielles Interview mit dem Haus verfahren sollten, und vergaß den Rest der Gruppe wieder.


‎Ein, zwei Stunden später (ich wollte gleich den ganzen Nachmittag dort verbringen, um das bestmögliche Bild der Situation zu bekommen), kamen eine Frau und ein Mann wieder in den Raum, die zuvor auch mit der mysteriösen Planungsgruppe da gewesen waren. Bevor sie wieder gingen, drehte sich der Mann noch in meine Richtung und kam schließlich auf mich zu. „Ich habe dich eben schon hier gesehen.“ Er begann also ein Gespräch darüber, was mich hierher verschlagen hatte und so weiter, und ich fragte mich währenddessen etwas verwirrt, worauf er eigentlich hinaus wollte. Solange ich noch in Porto sei, würde er mich gern zum Essen einladen, sagte er schließlich. Ich sagte, das sei noch genau bis 19:30 Uhr, minus Anfahrts- und Eincheck-Zeit für den Flixbus. Er sagte, dann könne ich nicht mit leerem Magen abreisen.
‎


‎Wir trafen uns also ein wenig später am Springbrunnen vor der Buchhandlung. Während des Essens erzählte er mir, dass er und sein Team an einem neuen Video-Format für die Buchhandlung arbeiteten und von weiteren Videographie-Aufträgen für die Vogue und für Musiker:innen, die er in letzter Zeit gemacht hatte. Er war ziemlich High-Energy und schien sich nicht mit Smalltalk aufzuhalten. Er meinte, er lerne gerne ‚interessante‘ Menschen kennen, und seinen zukunftsorientierten Bemerkungen (die auf „das nächste Mal“, das wir uns sahen, abzielten) entnahm ich, dass wir nun anscheinend bereits ein Band für die Zukunft geknüpft hatten. Ich erfuhr zudem von seiner gelebten Polyamorie und davon, dass er nicht wirklich zwischen Freundschaft und romantischen Gefühlen unterscheiden konnte, sowie von den finanziellen Herausforderungen, seit seine Partnerin arbeitsunfähig geworden war.
‎Und während er mich anschließend durch die Stadt führte, erfuhr ich dann auch schon von seiner überstandenen Chemo, psychedelischen Drogen-Trips und wie er (weißer US-Amerikaner) zum Islam konvertiert war. Angesichts des wilden Rittes durch die Themen fragte ich mich zwischendurch, ob sich die Dinge, die er mir erzählte, auch außerhalb seiner Gedanken abgespielt hatten oder ob ich gerade in die Psychose eines Fremden eingesogen wurde, den ich mir praktisch auf der Straße angelacht hatte. Aber dann fiel mir wieder ein, dass ich ihn ja bereits bei der Arbeit gesehen hatte. Es musste also schon etwas dran sein an alledem. Warum sollte man auch nicht als Ayahuasca-Muslim für die Vogue arbeiten.
‎
‎Er brachte mich zurück zum Bahnhof und ich bekam noch rechtzeitig meinen Bus. Im Hinterkopf noch leicht verwirrt, fuhr ich zurück nach Lissabon.

Straßenzug in Lissabon



‎Am nächsten Tag begann ich schon mal mit dem Artikel über die Bücherei. Von den Wortäußerungen her wurde es vor allem ein Plädoyer für die Bedeutung kritischen Denkens und des Lesens in einer immer weniger lesenden Welt. (Zu lesen hier)
‎Am Tag darauf ging mein Flug nach Cabo Verde.
‎Im Flugzeug fiel mir dann etwas auf:
‎So gut wie alle in meinem Sichtfeld lasen. Zumindest in den drei Reihen gegenüber, auf der anderen Seite des Ganges, hatten die meisten ein Buch, Magazin oder E-Reader aufgeschlagen und lasen tatsächlich.
‎Ich konnte angesichts dessen kaum anders, als nun ebenfalls das E-Book auf meinem Handy zu öffnen. Ein wenig später zog dann auch meine Sitznachbarin, etwa in meinem Alter, einen Roman aus der Tasche.
‎Ich tippte sie an. „Fast wie in einem Buchclub.“ Sie schob die Kopfhörer von ihrem Ohr. „Was?“ –
‎“Alle lesen, wie in einem Buchclub. Schön, oder?“ – Sie lächelte. „Sehr schön.“
‎
‎
‎

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert