Guinea-Bissau 01

Karneval stand vor der Tür. Ich hatte in der letzten Zeit öfter vom Karneval in Guinea-Bissau gehört und es fiel zeitlich gut damit zusammen, dass meine Zeit in Gambia zu Ende ging.
Von Kartong in Gambia aus setzte ich also mit einem Boot über den schmalen Flussverlauf, dem zugleich die Funktion einer Grenze auferlegt worden war. Schon war ich in der senegalesischen Region Casamance. Hier blieb ich übers Wochenende in der Provinzhauptstadt Ziguinchor bei einem Couchsurfer und stieg dort an einem Montagmorgen in einen Kleinbus nach Bissau.


Die Geschwindigkeit, mit der wir vorankamen, war stark abhängig vom Zustand der Straße. Lange Strecken von roter, schotteriger Landstraße wechselten sich mit Kunstwerken aus Asphalt ab, gemalt von Zeit und Witterung, und dann wieder lückenlos asphaltierten Teilen, die sich anfühlten wie Wellness.
Meine Augen klebten am Fenster, um die Landschaft einzusaugen. Flussarme und Viehweiden, Bäume, Bäume und einige Häuser entlang der Straße.
Ich wurde von hinten angetippt und drehte mich um. Eine junge Frau sagte etwas, von dem ich nur „Haar“ verstand, und deutete auf meinen Kopf. In meinen leicht irritierten Blick hinein übersetzte ein etwas älterer Mann dann auf Französisch: „Sie sagt, du solltest etwas um deine Haare wickeln.“ Wird schon gehen, dachte ich mir. Aktuell war die Straße zwar ein wenig staubig, aber es hielt sich in Grenzen.
Irgendwann wurden die Straßenabschnitte ohne Asphalt dann aber von komplett rostbraunen Bäumen und Büschen gerahmt. Der Staub, der durch die vorbeifahrenden Autos aufgewirbelt wurde, hatte sie fast einmal ganz mit der Materie überzogen, wie Obstspieße von einem Schoko-Fondue.
Jetzt wurde mir langsam klar, dass ich besser wirklich etwas für meine Haare tat. Ich wickelte die Kamera in meiner Tasche aus dem schützenden Schal (jetzt war ich mir selbst am nächsten), band ihn mir um den Kopf und hielt die Tasche gewissenhaft geschlossen. Als wir schließlich in Bissau einfuhren, hatte sich gewissermaßen ein natürlicher rotbrauner Filter über unser aller Haut und Haar (oder Tuch) gelegt.
Die junge Frau hinter mir und der Mann zwei Sitze weiter erkundigten sich, wo ich untergebracht sei. Ich erklärte ihm auf Französisch, dass ich nach einem Zimmer für ein paar Tage zur Miete suchen wollte. Ich hatte mir gedacht, es würde einfacher sein, etwas Bezahlbares vor Ort einzufädeln. Auf Couchsurfing hatte bisher niemand auf meine öffentliche Ankündigung reagiert und was es online zu mieten oder buchen gab, wäre mir zu teuer gewesen. „Das könnte schwierig werden hier“, waren sich die beiden einig. Daraufhin erklärte ich, dass ich einfach mal in einem Viertel herumfragen wollte. Vielleicht hatte ja eine Familie Platz und nichts dagegen, sich etwas dazuzuverdienen. „Du kannst erstmal mit zu ihr kommen“, übersetzte der Mann noch, was die Frau sagte, bevor er selbst ausstieg. „Dann kannst du dich erstmal etwas ausruhen und dann von dort aus auf die Suche gehen.“ Gesagt, getan.


Sie hieß Mari, war 23 und gerade mit ihrem einjährigen Kind für einige Wochen bei ihrer kranken Schwiegermutter im Senegal gewesen. Sie könnten mir in ihrem Haus auch ein Zimmer freimachen, sagte sie im Taxi. (Ein wenig Portugiesisch verstand ich ja glücklicherweise, im Gegensatz zum hiesigen Kreol). Allerdings wäre das Haus etwas weit von der Straße entfernt. Das schien nun auch der Taxifahrer zu realisieren, als wir von der Hauptstraße abbogen und anschließend erst noch die Straße runter, dann links, dann rechts, an der kleinen Moschee vorbei und noch ein wenig weiterfuhren, bis wir schließlich zum Stehen kamen. Den Weg würde ich mir nicht sofort wieder antun. Also nahm ich gerne die Einladung an, erstmal zu duschen, etwas zu essen und mich auszuruhen, bis ich mir weitere Gedanken machte. Maris Familie war super lieb und die Kommunikation wurde dadurch erleichtert, dass ihre Cousine Englisch sprach. Sie war in Gambia aufgewachsen und gerade zum ersten Mal seit ihrer Kindheit wieder im Land. „Morgens erledigen wir ein paar Arbeiten“, weihte also Evelyn, die Cousine, mich in den Alltag ein, in den sie sich selbst erst vor wenigen Monaten eingefunden hatte. „Dann essen wir und dann sitzen wir meistens ein wenig hier im Haus, dann manchmal da draußen unter dem Baum oder auch vor dem Haus und abends vielleicht vor dem Fernseher, wenn die anderen ihre Serie schauen.“

Mari und ihr Sohn Marcelino


Ich beschloss, heute erstmal hier zu bleiben und morgen weiterzusehen. Abends hatte ich dann bereits sowohl vor dem Haus als auch unter dem großen Baum gesessen (dessen Vorteil als Sitzplatz darin bestand, dass man von dort das Wlan der Nachbarn empfangen konnte) und später aus dem Augenwinkel die portugiesische Serie geschaut, ähnlich unbeeindruckt wie Evelyn, neben der ich mich schließlich schlafenlegte. Am nächsten Tag kümmerte ich mich um eine SIM-Karte und ging in dem Viertel, das mir Mari dafür empfohlen hatte, auf die Suche nach einer neuen Unterkunft. Dieser Stadtteil, Bairro de Ajuda, lag um einiges zentraler als das Neubaugebiet, in dem Maris Familie wohnte, war aber noch bodenständig genug, dass ich hier vielleicht eine Chance hatte. Gerade während des Karnevals würde ich von hier aus besser unterwegs sein.

Ich lief also durch die Straßen des Bairro de Ajuda. Die Stimmung war ruhiger, die Straßen breiter und leerer als in Maris Teil der Stadt. Ich erkundigte mich drei, vier Mal im Vorbeigehen, ob jemand jemanden kannte, der ein Zimmer frei haben oder freimachen konnte, aber entweder wussten sie nichts oder die Option lag über meinem Budget. Dann sprach ich eine Gruppe von Arbeitern an, die gerade eine Pause machte. Ich versuchte, so gut wie möglich auf einer Mischung aus Spanisch und Portugiesisch meine Mission zu erklären. Sie überlegten, waren aber eher ratlos. Schließlich bedeutete mir ein junger Typ, der gerade vorbeigekommen zu sein schien (in dem weißen T-Shirt und mit seinem kleinen Rucksack auf dem Rücken sah er nicht so aus, als würde er sich demnächst die Hände schmutzig machen wollen), ihm zu folgen. Anscheinend war er nicht richtig schlau geworden aus mir, aber seine Cousine wohnte nur ein paar Häuser weiter und sprach Französisch. Als sie aus der Tür getreten war, präsentierte er ihr also, was bzw. wen er da grade auf der Straße aufgelesen hatte. Vielleicht würde sie damit ja mehr anfangen können. Ich erklärte also nochmal auf Französisch, dass ich ein Zimmer mieten wollte, erstmal für eine Woche, zu diesem oder jenen Preis, und dass ich gekommen war, um mir den Karneval anzusehen. Die beiden überlegten eine Weile laut, dass das nicht so einfach werden würde, etwas zu finden. Dann, nach einem Augenblick, sagte die Cousine plötzlich: „Du kannst hier wohnen, aber bezahlen wirst du nichts.“ Dann ging sie zurück ins Haus. „Komm, ich zeig dir alles.“ Ich folgte ihr, der Cousin überließ uns zufrieden unserem neuen Schicksal.
„Hier schlafen wir“, sagte sie und deutete in einen Raum mit Doppelbett, Fernseher, Kühlschrank und Massivholzkleiderschrank. „Hier ist noch ein Zimmer, aber das ist leer. Dann hier ist die Küche und das ist das Badezimmer.“ Sie hieß Cadija. Sie wohne alleine hier, sagte sie. Ihre Mutter war noch während ihrer Kindheit nach Portugal gegangen, um dort zu arbeiten, und ihre Schwester sei vor Kurzem nachgeholt worden. Jetzt war sie 28 und ‚alleine‘ hieß in diesem Fall, wie sich herausstellte, noch mit Nea, ihrem Hausmädchen, das halbtags Lehramt studierte und zeitweise Rosalie, einer Jugendlichen aus ihrer Straße, deren Vater, wie Cadija meinte, sich nicht richtig um seine Kinder kümmerte und der sie sich deshalb angenommen hatte. Rosalie ging hier also ein und aus und schlief auch nicht selten im Haus. Ansonsten wohnten Tür an Tür noch ein Onkel sowie einige weitere Familienmitglieder, so auch André, der Cousin, der mich hergebracht hatte.

„Holst du jetzt deine Sachen?“, fragte Cadija mich dann. Ich sagte, das würde ich. Wir tauschten unseren Kontakt aus. Letztendlich blieb ich die Nacht noch im Haus von Maris Familie und zog am nächsten Tag bei Cadija ein.

Ich sei jetzt wie eine Schwester für sie, sagte sie. Das wurde für mich allerdings leicht ins Verhältnis gesetzt durch die Tatsache, dass so ziemlich jede Person, die sie mir in den nächsten Tagen vorstellte, für sie „wie ihr Bruder“, „wie eine Mutter“ oder eben eine Schwester war. Es zeigte aber auch ihr großes Herz, denn nicht nur behandelte sie mich wirklich wie eine Schwester, sie kannte auch einfach viele Leute und begegnete ihnen mit einer offenen Herzlichkeit.
„Wenn Cadija ausgeht, muss sie niemals bezahlen – es sei denn, sie will“, sagte ein Kumpel von ihr, als wir eines Abends draußen etwas trinken waren. „Jeder kennt sie.“ Das lag neben ihrer Redefreudigkeit auch daran, wie sie sagte, dass sie früher als Tänzerin mit einigen Musikern aufgetreten sei. Heute postete sie häufig Videos auf ihrem Tiktok-Kanal, was ihr wahrscheinlich den Status einer kleinen lokalen Celebrity eingebracht hatte. Wie es einer lokalen Berühmtheit würdig war, verließ sie das Haus selten ungestylt. Ihr Kleiderschrank (den ich natürlich mitbenutzen durfte) war so vollgestopft, dass es mir unmöglich schien, darin noch irgendwas zu finden. Als ich einmal in einem Motivationsschub und um mir einen besseren Überblick zu verschaffen, begann alles zusammenzufalten, brauchte ich fast zwei Stunden. Und das war nur für die eine Schrankhälfte. Schuhe zählte ich mindestens 70 Paar und Perücken hingen an den Wandhaken wie bei anderen Leuten Jacken. Zuhause hingegen fand sie, weniger sei mehr und lief meistens oben ohne rum („Es ist einfach viel zu heiß“). Eine Tatsache, an die sich alle gewöhnt zu haben schienen. So auch ihre Cousins, wenn die mal vorbeischauten. „Die kennen meine Brüste schon in- und auswendig“, scherzte Cadija.
Nachts ging sie gerne aus. Tagsüber schlief sie („Es ist ja dann viel zu heiß“), was sie auch konnte, denn mit der Uni war sie praktisch fertig und einen Job hatte sie keinen (ihre Mutter schickte monatlich etwas Geld). Sie glaubte auch nicht, oder vielleicht nicht mehr, daran, dass sie in Bissau eine gute Stelle finden würde. Sie hatte Zoll und Handel studiert und meinte, eigentlich hatte sie immer im Land bleiben wollen, anstatt auszuwandern. „Schließlich ist das ja auch unser Land. Wir sollten es mitgestalten“, meinte sie. Aber mit der chronischen politischen Instabilität, Korruption und ohne Kontakte, die man bräuchte, wie sie meinte, um Karriere zu machen, sah sie hier keine Zukunft für sich. Jetzt nach dem letzten Militärputsch im November würde sie sowieso erstmal abwarten, bevor sie einen Job suchen würde. Allerdings wartete sie vielmehr auf eine Entscheidung für das Studierendenvisum, das sie für Portugal eingereicht hatte. Ihre jüngere Schwester hatte diesen Weg bereits eingeschlagen.

Am Wochenende dann war Karneval. An zwei der vier Karnevalstage fand eine Parade bzw. ein Tanzwettbewerb statt, zwischen verschiedenen Stadtteilgruppen und solchen, die aus dem Land angereist waren, um gegeneinander anzutreten. Angehörige verschiedener Ethnien präsentierten und zelebrierten ihre Kultur. Und die Auftritte vor der Jury in der Altstadt waren mindestens so schön anzusehen wie die Outfits, die schon die Kleinsten unter den Feiernden trugen.
Mehr dazu in dem Text, den ich dazu in der Frankfurter Rundschau geschrieben habe.
Und ein paar Bilder zum Abschluss.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert