Ich war den Sommer über für einige Wochen in Deutschland gewesen. Nun war ich über Dakar nach Gambia eingereist.
Nach ein paar Tagen bei einem Couchsurfer namens Malick machte ich mich zu einer kleinen Tour durch das Land auf. „Kleine Tour“ war wohl berechtigt, da Gambia als das kleinste Land auf dem afrikanischen Festland gilt. Ehrlich gesagt wäre ich von selbst aber nicht draufgekommen, hätte ich es nicht gelesen (Platzangst bekam ich zumindest schon mal nicht). Als erstes kam ich in Sanyang bei Couchsurfer Amadou und seiner Familie unter. Sanyang war eine Kleinstadt an der Küste und das Grundstück der Familie (samt üppigem Garten, Hühnern und Gänse-Küken) lag gleich auf dem Weg, der zum Strand führte. Es wurde ein entspanntes langes Wochenende. Ich ging mit Amadou und seinen Schwestern zum Strand, half beim Kochen und saß jeden Abend gespannt mit vor dem Fernseher, um die Fortsetzung der indischen Telenovela nicht zu verpassen.

Der Zeitung nd hatte ich vorgeschlagen, einen Artikel über die Herausforderungen der Fischer in der Region zu schreiben. Hier in Sanyang und jeweils in den beiden nächstgelegenen Ortschaften befanden sich Fischmehlfabriken, die große Mengen Fisch zu Fischmehl und -öl vor allem zur Tierfutter-Herstellung verarbeiten. Zudem machten industrieller Fischfang und zunehmende Überfischung den lokalen Fischern das Leben schwer. Das alles erzählten mir Bewohner:innen des Städtchens Gunjur unweit von Sanyang in dem ich der Sache an einem Samstagnachmittag auf den Grund ging. Zuerst stand ich jedoch noch unschlüssig am Strand und beobachtete das Treiben vor mir. Ich war gerade erst von einem Mini-Van hier ausgespuckt worden und war mental noch nicht bereit, aktiv auf Leute zuzugehen. Also wartete ich erstmal ab.

Menschen eilten an mir vorbei, um frischen Fisch von den eingetroffenen Fischerbooten entgegenzunehmen, Marktfrauen wuschen Fische in großen Schalen, Andere standen so wie ich da und schauten vor sich hin. Glücklicherweise musste ich gar nichts weiter tun, denn ich wurde so schon immer wieder selbst angesprochen. Ich unterhielt mich mit einigen Fischern, die neugierig waren, wer ich war und woher ich kam und denen gegenüber ich jeweils irgendwann nochmal erwähnen musste, dass ich bereits verheiratet sei.

Dann quatschte mich ein freundlicher, mittelalter Mann namens Alage von der Seite an, während ich noch mit ein paar Jugendlichen sprach. Wie sich aus dem Gespräch ergab, hatten wir einen gemeinsamen Bekannten in Sanyang und er war zudem ein aktives Mitglied der hiesigen Dorf- und Fischereigemeinschaft. Er beschloss kurzerhand, mir eine Führung durch das gesamte Fischerdorf zu geben. So bekam ich direkt von dem Büro der Verwaltung, über die Eis-Lagerung für die Kühlkette, bis zu den Räucheröfen und der Reparatur der Fischernetze alles zu sehen, was sich in diesem Quadratkilometer von Fleckchen Erde abspielte. Schließlich setzten wir uns zu einem alten Freund Alages, der, im Gegensatz zu ihm, Vollzeit-Fischer war. Wie der Zufall es wollte, war genau dieser Fischer, Famara, bereits mehrmals von anderen Journalist:innen interviewt worden (auch in den Artikeln, die ich vorab über Gunjur gefunden hatte) und hatte einiges zu dem Thema zu sagen. Ich blieb letzten Endes den ganzen Nachmittag in der Hütte und wir unterhielten uns bei Tee über Gott und die Welt.


Zeitgleich hatte ich mir vorgenommen, zu Reggae in Gambia zu arbeiten.
Obwohl ich schon vorab von der großen Verbreitung des Genres in Gambia gehört hatte, war ich überrascht, als ich es dann selbst zu sehen bekam. Nicht nur gab es an fast jedem Tag der Woche irgendwo in der Metropolregion eine größere Reggae-Party, oft gab es an einem Tag gleich mehrere reine Reggae-Events. Auch so hörte man die Musik vielerorts auf der Straße und immer wieder wurde ich von anderen Leuten mit Dreadlocks als fellow „Rasta“ auf der Straße erkannt und teilweise in einem abgefärbten jamaikanischen Akzent angesprochen. Ich dachte deshalb, es könnte cool sein, eine Bilderstrecke von Reggae-Events aufzunehmen. Allerdings hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch keinen Überblick über die Events oder konkrete Anknüpfungspunkte.

An meinem zweiten Abend in Sanyang ging ich zum Konzert einer Afro-Manding-Liveband, von dem mir ein Rasta erzählt hatte, mit dem ich auf der Straße ins Gespräch gekommen war. Eigentlich hatte er gesagt, es handele sich um eine Reggae-Party, aber gut, jetzt war ich schonmal hier und konnte mir auch das Konzert anhören. Kaum hatte ich mich hingesetzt, wurde ich von einem energie-geladenen Typen um die 30 mit Hut und einem riesigen Lächeln angesprochen, der sich mir als „1-Jah“ vorstellte. Er setzte sich kurzerhand neben mich und hatte anscheinend beschlossen, dass wir nun Freunde waren. Ich war zunächst etwas misstrauisch, dann stellte sich jedoch heraus, dass er Reggae-DJ war und eine wöchentliche Reggae-Party in Gunjur hostete, zu der er mich für den kommenden Dienstag natürlich einlud. Kein schlechter Starting-Point dachte ich mir und so stand ich am nächsten Dienstag auf der Bühne im Club „La Beat Route“ und fotografierte einen ins Mikrofon bellenden MC 1-Jah, bevor ich mich mit der Kamera unter die Partypeople begab.



Das Publikum in Gunjur war für den großen Saal zwar noch recht überschaubar gewesen, ich war aber trotzdem zufrieden und motiviert, die Reggae-Mission weiterzuverfolgen.
Erst einmal machte ich mich aber für eine Woche auf den Weg ins Inland. Ich würde bei einem Freund von 1-Jah in Janjanbureh bzw. McCarthy Island und Georgetown unterkommen – und dabei handelte es sich immer um denselben Ort. Im Bus zu dem Ort der vielen Namen hielt mir plötzlich meine Sitznachnachbarin ihr Handy unter die Nase. „Das würde ich auch gerne mal probieren.“ Ich war erstmal etwas überrascht. Immerhin sagte sie das so, als würde sie mir im Gespräch ungeniert das Wort abschneiden wollen, nicht so, als hätten wir bisher auf dieser Fahrt noch kein einziges Wort gewechselt. Auf den ersten Blick hielt ich das Foto auf ihrem Bildschirm für einen Nachtisch oder etwas anderes Essbares. Als ich genauer hinsah, erkannte ich, was es war: Ein Boot auf dem Atlantik randvoll mit Menschen, auf dem Weg nach Europa.
Das Mädchen in dem pinken Kleid neben mir redete weiter. Sie war bestimmt noch keine zwanzig. Mehrere ihrer Freunde hätten sich schon auf den Weg gemacht, sagte sie. Aktuell befänden sich eine Handvoll von ihnen auf dem Meer. Dass sie bisher noch nicht wieder von ihnen gehört hatte, schien sie nicht zu beunruhigen. Immerhin dauerte eine solche Überfahrt auf die Kanaren mindestens eine Woche, meinte sie. Wie gerne würde sie es auch versuchen. „Um sich etwas aufbauen zu können, sein Leben zu gestalten“, war die Entgegnung auf meine Nachfrage. „Um die Familie stolz zu machen.“ Aber sie glaubte selbst nicht, dass sie es wagen würde. „Ich habe ja eh nicht den Mut dazu“, schob sie etwas schüchtern hinterher.

In Janjanbureh wurde ich dann von 1-Jahs Freund abgeholt und in das Haus seines Bruders gebracht. Ich hatte gesagt, ich würde ein bisschen was bezahlen können, einen kleinen Betrag, den mein Budget hergab und für den man auch nicht allzu viel bieten musste. Das hatte ich in Gunjur bei einer Familie auch schon so gemacht. Dort, wie auch in Sanyang hatte ich mir das Bett immer geteilt und mich auch ansonsten einfach in die Familie integriert.
Umso größer war meine Überraschung als ich ein Einzelzimmer mit Klopapier, Seife und zusammengerolltem weißen Handtuch am Fußende des Bettes vorfand. Es war unschwer zu erkennen: Diese Brüder arbeiteten in einem Hotel.
Am Abend stellte ich dann fest, dass ich auch sonst jetzt in der Rolle eines Hotelgastes gefangen war. Ich bekam zum Abendessen meine Kartoffelecken auf einem separaten Teller serviert, nebst in Serviette eingewickeltem Besteck, während alle anderen draußen gemeinsam von einem großen Teller Reis aßen. Danach setzte sich der Hausherr dann zu mir auf die Couch und fragte, um viel Uhr ich morgen frühstücken wollte. Ich versuchte, ihm klarzumachen, dass ich einfach mit der Familie essen konnte, war allerdings nicht sicher, ob die Message ankam. Ich hatte wenig Lust, am Ende noch mehr Geld da lassen zu müssen, als ich ursprünglich vorgesehen hatte. Während wir noch so dasaßen, zogen in den Nachrichten Aufnahmen von den Flüchtlingsbooten über den Fernseher. Anscheinend ging es um irgendwelche Maßnahmen gegen unkontrollierte Abwanderung.
„Schickt Deutschland noch Gambier zurück?“, fragte mein Gastgeber. Ich wusste es nicht. Es würden nicht mehr so viele zurückgebracht werden wie vorher, meinte er und konstatierte: „Manche, die man abgeschoben hat, sind irgendwie verrückt geworden.“

Am zweiten richtigen Tag schon wurde ich dann krank. Am ersten Tag hatte ich mir noch den Ort angeschaut. Recht überschaubar mit relativ hohem Tourismus-Aufgebot. Die Attraktionen schienen vor allem die Pflanzen und Tiere, ansonsten ein Steinkreis in Tagesausflugs-Distanz und Überbleibsel der Sklaverei zu sein. Namentlich ein „Sklavenhaus“ und ein „Freiheitsbaum“, an dem angelangt Sklav:innen angeblich damals die Freiheit geschenkt bekommen habe. Am zweiten Tag hatte mich mein Gastgeber mit in eine Vogelbeobachtungs-Flussfahrt eingeschleust, die Gäste im Hotel gebucht hatten und an der ich so zu reduziertem Preis teilnehmen konnte. Ich hatte mir Bird Watching irgendwie spannender vorgestellt. Nachdem ich die ersten Vögel gewatcht und fotografiert hatte, war mir bereits klar, dass ich das nicht allzu schnell wieder machen musste. Die Familie, der ich mich angeschlossen hatte, machte das allerdings schon den dritten Tag in Folge und war extra dafür aus Frankreich angereist. Dementsprechend lange zögerten sie das ganze Unterfangen hinaus. Während ich noch wartete, dass wir endlich fertig waren, dämmerte mir jedoch schon, dass meine wachsende Ermüdung vielleicht weniger der Situation geschuldet war als meinem sich verschlechternden Gesundheitszustand. Sobald ich zuhause war, war dann klar, dass ich nicht nur Kopfschmerzen, sondern auch Fieber hatte. Ich schleppte mich noch ins Gesundheitszentrum: Keine Malaria. Von da an lag ich ein paar Tage flach.
