An den letzten Karnevalsabenden hatte Cadija mir bereits prophezeit, dass die Party-Phase jetzt erstmal vorbei sein würde. „Die Muslime trinken sonst am meisten“, meinte sie. Der Zaun um die (wenig grüne) sogenannte „Grünfläche“ wurde wieder hochgezogen und die Grillstände und Straßenbars dort beendeten ihre Saison.
Aber auch während des Ramadan war die Stadt längst nicht tot. Die etablierten Bars und Clubs liefen ganz normal weiter, Essen bekam man auch mühelos tagsüber und auch das Stammpublikum der Kneipen in unserem Stadtteil schien sich von keinem Gott der Welt dazwischenfunken zu lassen.
Der muslimische Teil der Bevölkerung bildete zudem (neben dem christlichen und animistischen) zwar mit um die 40% die größte Gruppe, aber auch nicht die absolute Mehrheit.
Ich beschloss, übers Wochenende in einen anderen Teil des Landes zu fahren. Einer spontanen Laune nach entschied ich mich für Gabú. Mein mobiles Internet war gerade aufgebraucht, als ich an diesem Abend auf die Karte schaute, die nun offline war und mir keine weiteren Informationen anzeigen konnte. Doch Gabú schien eine größere Stadt zu sein, weit genug entfernt, um auf dem Weg einen größeren Teil des Landes zu durchqueren, gleichzeitig jedoch noch am selben Tag erreichbar. Am nächsten Morgen ging es los.
Ich hatte zwar gewusst (und bereits selbst erfahren), in welchem Zustand viele Straßen hier im Land waren, aber auch während der nächsten fünf, sechs Stunden sollte ich damit noch nicht meinen Frieden schließen. Wann immer der Bus den asphaltierten Teil des Weges halb verließ, um etwas zu umfahren, und dann in einem gefühlten 45°-Winkel am Rand der Straße entlangrollte, verwendete ich unweigerlich meine gesamte telekinetische Energie darauf, den Bus nicht auf die Seite kippen zu lassen. Da das auf Dauer recht anstrengend war, ging ich dann dazu über, einfach die Augen zu schließen, bis wir uns wieder auf den Fahrstreifen gehieft hatten.
„Hier sind wir schon im Umland von Gabú“, hatte mir der Opa neben mir gerade gesagt, als ich plötzlich aus dem Augenwinkel etwas Rundes am Fenster vorbei kullern sah. Der Bus bremste langsam ab. Es war das linke Hinterrad. Während Fahrer und Gehilfe noch etwas ratlos die Lage inspizierten, kam glücklicherweise kurz danach ein kleiner Bus vorbei, der leerfuhr und einige von uns mitnahm.

In Gabú sagte mir der Opa, der neben mir gesessen hatte, sein Neffe würde ihn mit dem Motorrad abholen und könne mich auch gleich zu einer Unterkunft im Ort bringen. Da mir der Preis im Hotel dann jedoch zu teuer war, fragte ich kurzerhand den Neffen, ob ich für einen gewissen Betrag stattdessen bei ihm unterkommen konnte. Kein Problem, meinte der, nur bezahlen sollte ich nichts. So blieb ich die nächsten drei Tage bei Marcelino.
Marcelino war genau so alt wie ich. Er besaß ein Motorrad und ein Service-Gerät einer Glücksspiel-Gesellschaft, weshalb sein Handy niemals stillstand. Ständig wollte jemand eine Fußball-Wette abschließen, sich über etwas erkundigen oder ausgezahlt werden. Aber das war nicht das einzige Laster, aus dem er Gewinn schlug. Gleich neben seinem Haus betrieb er eine Bar. Am nächsten Tag führte mich Marcelino durch Gabú. Es war die Hauptstadt der gleichnamigen Region und, nach Bissau, die zweitgrößte Stadt des Landes.

Ich hatte mittlerweile mitbekommen, dass im angrenzenden Umland der Stadt Boé damals die Unabhängigkeit verkündet worden war. Mit einem noch ausstehenden Artikel im Kopf wollte ich gerne dorthin einen Ausflug machen. Da die Strecke jedoch kaum befahren war, überließ Marcelino kurzerhand seine Lottomaschine einem Freund und fuhr mich mit dem Motorrad hin.

Zurück in Bissau steckte Cadija mitten in Geburtstagsvorbereitungen. Zwar war ihr Geburtstag erst in zwei Wochen, aber sie wollte nichts dem Zufall überlassen. Neben der Einladungsliste gab es eine Helfer:innen-Liste, aber auch wenn man es sich auf ersterer bequem machen konnte, blieb man zumindest nicht von regelmäßigen Erinnerungen verschont, ja die Feier nicht zu vergessen. Für die Party-Dekoration hatte Cadija auch schon jemanden engagiert, doch da die Feier zuhause stattfinden würde, hatte sie gleich noch Onkel und Cousins dazu verdonnert, das ganze Haus zu streichen (von innen und außen).
Da es wahrscheinlich einen irreparablen Bruch dargestellt hätte, ihre Bitte auszuschlagen, noch bis zum Geburtstag zu bleiben, hatte ich mein Visum verlängert und so noch einen Monat drangehängt.
Ich hatte sowieso noch einige Themen, zu denen ich arbeiten konnte, und ohnehin wenig Lust, gleich schon wieder Ort und Land zu wechseln. Ich recherchierte also zu Religion, Matriarchat und einer Wollmütze.
Dann fuhr ich erstmal auf eine Insel. Vor der Küste Guinea-Bissaus liegt das Bijagos-Archipelago. Ganze 88 paradiesische Inseln, weniger als die Hälfte davon bewohnt, und eine Fährverbindung gibt es zu einer einzigen. Während des Karnevals hatten Cadija und ich Vidente King kennengelernt. Sein richtiger Name erinnerte mich eher an wenig maskuline Blumen (Rosalio?, Rosario? – sowas in der Art), aber als der eher mäßig erfolgreiche Sänger der er war, bevorzugte er seinen Künstlernamen oder den Beinamen „Tuberao“ (Hai), denn er kam von der Insel.

Es ergab sich, dass Vidente an dem Wochenende, an dem ich nach Bubaque (der Fähren-Insel) fahren wollte, ebenfalls mit ein paar Freunden hinfuhr. Ich schloss mich also der Gruppe an und übernachtete ebenfalls im Haus von Videntes Mutter.






Die Mission für das Wochenende war es, ein Musikvideo zu drehen und so waren neben dem Hai selbst sein Musikerkollege, eine dekorative weibliche Hauptfigur für das Video (die allerdings mit ihrem Boyfriend im Hotel übernachtete), zwei Videographen und die Frau des einen Kamera-Menschen dabei, wobei Letztere das Konzept für das Video entworfen hatte und ansonsten als Haar- und Make-up-Stylistin sowie als Fernsehmoderatorin arbeitete. Außerdem war sie zufällig Cadijas Cousine. So klein war die Welt (bzw. Guinea-Bissau).

Für den Videodreh fuhren wir mit einem Motorboot auf eine andere Insel. Bis auf ein paar französische Angel-Urlauber waren wir dort weitestgehend ungestört und bereits mitten am Set:



Mit das Beste an einem Ausflug nach Bubaque war jedoch die Fähre dorthin bzw. zurück. Die Jungs vom Cocktailstand waren durch ihre Musikbox zugleich die DJs der unteren Etage und auf der Rückfahrt hatte jemand parallel dazu, mit größeren Lautsprechern, die Party auch auf dem oberen Deck gestartet.





In Bissau kamen wir dann gerade rechtzeitig an für Cadijas Geburtstagsfeier.





